Vegan nach Essstörung – kann das funktionieren?

Vegan nach Essstörung - kann das funktionieren?

Veganismus und Essstörung: Ist es möglich, sich vegan nach einer Essstörung zu ernähren? Hilft die vegane Ernährung bei der Genesung? Oder ist Veganismus eher hinderlich auf dem Weg raus aus der Essstörung?

1. Veganismus und Essstörung

Der Zusammenhang zwischen veganer Ernährung und Essstörungen wird kontrovers diskutiert.

Viele Kliniken zur Behandlung von Essstörungen schließen die Aufnahme von sich vegan oder vegetarisch ernährenden Patienten aus. Veganismus gilt als ein „Risikofaktor“ für das Verbleiben oder den Rückfall in die Essstörung.

Auf der anderen Seite gibt es viele, denen eine rein pflanzliche Ernährung geholfen hat, die Essstörung zu überwinden.

Welche Erfahrungen habe ich mit der veganen Ernährung in meiner Essstörung gemacht? Welche Faktoren sprechen für Veganismus zur Überwindung einer Essstörung, welche dagegen? Und was kannst du tun, wenn du deine Essstörung überwinden und dich vegan ernähren möchtest?

Disclaimer: Wenn du unter einer Essstörung leidest, suche dir bitte Hilfe bei einem Arzt oder Therapeuten. Ich schreibe über gestörtes Essverhalten, Binge Eating und Bulimie, weil ich selber über 20 Jahre darunter gelitten habe. Die Ratschläge, die ich dir gebe, beruhen auf meinen eigenen Erfahrungen, die ich auf dem langen Weg aus der Essstörung gemacht habe. Ich bin keine ausgebildete Therapeutin oder Ernährungsberaterin, und das Lesen meines Blogs ersetzt keine Therapie.

2. Vegan nach Essstörung – meine Erfahrungen

Warum ernähre ich mich vegan? Hauptsächlich aus diesen drei Gründen:

  1. Ich lebe in Übereinstimmung mit meinen Werten: Für mein Essen muss kein Lebewesen leiden. Vegane Ernährung ist nachhaltig
  2. Vegane Ernährung ist einfach, praktisch und minimalistisch.
  3. Ich ernähre mich ausgewogen und gesund.

Mein Veganismus ist vor allem ethisch motiviert. Nachhaltigkeit, Einfachheit und Ausgewogenheit sind weitere Faktoren, die ich gern mitnehme, für mich aber nicht ausschlaggebend sind. 

Ich bin erst vegan geworden, als ich die Essstörung bereits überwunden hatte.

Zu Zeiten meiner Bulimie gab es zwar ein paar Anläufe, mich vegan zu ernähren, die ich aber schnell wieder aufgab. Vielleicht spürte ich, dass mich eine (weitere) Einschränkung meiner Ernährung noch tiefer in die Selbstperfektionierungsspirale gezogen hätte.

Vegan nach Essstörung: Selbstperfektionierungsspirale

Die Selbstperfektionierungsspirale beinhaltet Dinge wie

  • maßvolles Essen
  • Sport nach Plan
  • plastikreduziertes Einkaufen

Was ich brauchte, um die Essstörung zu überwinden, waren nicht noch mehr Vorschriften und Einschränkungen, sondern Loslassen, Laissez-faire, Freiheit und Einfach-mal-machen.

Oft ist es ein Schema von Druck und Verboten, das hinter der Essstörung steht und diese verstärkt.

Viele Essgestörte sind super darin, streng zu sich selbst zu sein.

Veganismus kann diesen Druck noch erhöhen, weil er die Lebensmittelauswahl einschränkt und zwischen gutem und schlechtem Essen unterscheidet.

Ich konnte die Essstörung erst überwinden, als ich mir erlaubt habe, alles zu essen. Gummibärchen waren nicht besser oder schlechter als Hühnchenbrust, zwischen Weißbrot, Avocado, Rosenkohl und Sahne gab es keinen Unterschied.

Neben der bedingungslosen Erlaubnis zu essen habe ich an meinen Druckmustern gearbeitet und gelernt, meine Gefühle zuzulassen.

Schließlich entwickelte ich lockere Essroutinen, die mir den Alltag erleichterten und mir dabei halfen, Essen zu einer Nebensache werden zu lassen.

Wenn du unter einer Essstörung leidest und dich vegan ernähren möchtest, würde ich dir raten, auch zuerst an diesen Themen zu arbeiten, am besten mit Hilfe eines Psychologen, und erst dann deine Ernährung auf vegan umzustellen.

Natürlich kannst du bereits vegane Rezepte und Lebensmittel ausprobieren und vegane Varianten deine Lieblingsgerichte zubereiten.

Wenn du wie ich zu einer ganz-oder-gar-nicht- beziehungsweise alles-oder-nichts-Mentalität neigst, ist es womöglich eine gute Übung, dich entspannt und schrittweise dem Veganismus zu nähern.

So machst du dir keinen Druck und kannst lernen, in deinen Körper hineinzuspüren und ihm das zu geben, was er braucht – ganz ohne Regeln und Vorgaben.

3. Warum vegane Ernährung in der Essstörung keine gute Idee ist 

Was spricht gegen vegane Ernährung in der Essstörung?

Veganismus schließt nicht nur einzelne Lebensmittel, sondern ganze Lebensmittelgruppen aus. Hierzu gehören Fleisch, Fisch, Eier, Käse und Milchprodukte. 

Eine Essstörung, sei es Bulimie, Anorexie, Binge Eating oder Orthorexie, wird auch durch Essverbote aufrechterhalten. Lebensmittel werden in Kategorien eingeteilt: gut – schlecht, erlaubt – verboten. Verbotenes wird vermieden, Erlaubtes oft im Übermaß verzehrt.

Zu den schlechten Lebensmitteln gehören üblicherweise Nahrungsmittel mit einer hohen Kaloriendichte: Süßigkeiten, Schokolade, Kekse, Kuchen, Eis, Chips, Fast Food.

Wenn nun auch noch nährstoffreiche und ernährungsphysiologisch an und für sich sinnvolle Lebensmittel wie Fleisch, Eier und Joghurt auf die Seite des Bösen wechseln, ist das aus mehreren Gründen kritisch:

  • Die Auswahl an Lebensmitteln wird kleiner;
  • die Notwendigkeit, die eigene Ernährung zu kontrollieren, steigt;
  • die Beschäftigung mit Essen nimmt noch mehr Raum ein (beim Einkaufen, Auswärtsessen, Kochen);
  • die Fokussierung auf Essen verstärkt sich;
  • es gibt die Möglichkeit des „Scheiterns“ (= etwas Nicht-Veganes essen);
  • Essen wird weiterhin mit Verzicht in Verbindung gebracht.

Die Einschränkung der Lebensmittelauswahl in der veganen Ernährung verhindert das, was meiner Erfahrung nach am wichtigsten ist, um eine Essstörung zu überwinden: Loslassen, Zulassen, Lockerlassen und alle Regeln und Zwänge über Bord werfen. 

Für mich hätte vegan nach Essstörung schon allein wegen der Süßigkeiten nicht funktioniert. Daran ändert der wachsende Markt für vegane Alternativen auch nichts.

Du bist unterwegs und bekommst Lust auf ein Snickers.

a) Oh nein! ich darf kein Snickers essen, das hat 300 Kalorien! 
Ich kaufe mir eine Packung Reiswaffeln.

b) Mist, Snickers ist nicht vegan. Was könnte ich stattdessen essen? Einen veganen Proteinriegel vielleicht, der schmeckt zwar nicht besonders gut, aber dafür mussten keine Tiere leiden. Aber wo bekomme ich ihn? 
Ich schaue nach, wo der nächste DM / Biosupermarkt ist.

c) Ich gehe in den nächsten Laden und kaufe ein Snickers.

In einer idealen Welt gäbe es überall, wo es Snickers gibt, auch vegane Schokoriegel, die genauso gut oder besser schmecken.
Aber unsere Welt ist (noch) nicht ideal und nicht vegan.

Und um aus deiner Essstörung herauszukommen, ist es wichtig, Essen zu einer Nebensache zu machen:

Appetit / Hunger
→ jetzt oder noch warten?
→ jetzt
→ kaufen, essen, vergessen.

Einen ungezwungenen Umgang mit Essen kannst du umso besser lernen, je weniger du deine Lebensmittelauswahl einschränkst.

Wenn du dir erlaubst, alles zu essen, kannst du ungezwungen mit deinen Mitbewohnern kochen und im Restaurant das bestellen, worauf du Lust hast. Schließlich haben wir alle schon viel zu lange immer nur Salat bestellt, verdammt!

4. Kann vegane Ernährung bei der Überwindung einer Essstörung helfen?

Gibt es Merkmale der veganen Ernährung, die sich positiv auf die Heilung einer Essstörung auswirken können?

Paradoxerweise ist es gerade der unter 3) genannte Faktor: 

Veganismus schränkt die Auswahl der Lebensmittel ein, die dir zur Verfügung stehen.
Das kann dich daran hindern, ein unbeschwertes Verhältnis zum Essen aufzubauen, weil die Einteilung in gute, erlaubte und schlechte, verbotene Lebensmittel aufrechterhalten wird.

Die Einschränkung der Lebensmittelauswahl kann dir aber andererseits auch dabei helfen, dein Essverhalten zu normalisieren.

Weil du nicht gleich den ganzen Supermarkt zur Verfügung, kannst du in Ruhe lernen, wie normal essen geht. 

Was meine ich mit normal essen?

Viele, die in einer Essstörung stecken, verbieten sich kohlenhydratreiche und fetthaltige Lebensmittel. Ich habe mir jahrelang Nudeln, Reis, Brot, Bananen, Öl und Nüsse verboten.

Die vegane Ernährung kann dir dabei helfen, diese Dinge Schritt für Schritt in deine Ernährung zu integrieren:

Wie fühlt es sich an, einen Teller Nudeln mit Cashewsahne zu essen?
Sättigen dich Nüsse und Trockenobst als Snack?
Wie ist es, einfach mal nur getoastetes Brot mit veganer Butter zu essen?

Vegane Ernährung bedeutet nicht, nur noch Knäckebrot, Obst und Gemüse zu essen. Pflanzliche Kost ist bunt und abwechslungsreich. Viele Veganer*innen berichten davon, dass sie sich vielseitiger und ausgewogener ernähren, seitdem sie vegan geworden sind.

Es ist gut möglich, dass sich die Einschränkung der Lebensmittel nicht als Verzicht anfühlt, sondern dir einen geschützten Raum bietet, in dem du mit der Vielfalt pflanzlicher Produkte experimentieren kannst.

Das betrifft gerade auch Süßigkeiten: Vielleicht hilft es, erst einmal nicht alle Süßigkeiten essen zu können (und zu wollen). Wenn du Jahre des Diätens und Verbietens hinter dir hast, würde dich die Vorstellung, alle Arten von Schokoriegeln, Gummitieren, Eissorten und Gebäck essen zu können, womöglich überfordern. (Das war bei mir übrigens der Grund, warum ich mit intuitivem Essen dreimal „gescheitert“ bin.)

Mit der veganen Ernährung kannst du dich erst einmal in Ruhe dem echten Essen widmen und das Spaßessen außen vor lassen.
Auf diese Weise kannst du in einem kleinen, abgesteckten Rahmen, der sich richtig und gut anfühlt, die Freude am Essen wiederfinden.

5. Fazit

Einige sehen die vegane Ernährung als ein Mittel, um sich aus der Essstörung zu befreien. Ich halte das für keine gute Idee, da die vegane Ernährung die Einteilung in gute und schlechte Lebensmittel aufrechterhält und sich die Fixierung aufs Essen nicht auflöst.

Wenn du dich fragst, ob du gleichzeitig deine Essstörung heilen und vegan werden kannst, würde ich dir davon abraten, diese Schritte zur gleichen Zeit zu gehen.

Lass dich vom Veganismus inspirieren und probiere Neues aus, aber gehe es langsam an und kümmere dich als erstes um dich selbst.

Entscheidend für die Heilung von Essstörungen ist die bedingungslose Erlaubnis zu essen und die Überwindung von Verboten, Diätregeln und Druck.

Dann bist du auf einem guten Weg und hast bald die Freiheit, ohne Entsagung und Einschränkungsgefühle dich vegan zu ernähren.

Bildquelle: © UnsplashJoshua Coleman (Beitragsbild), Pixabay: Guillaume Peltier (Treppenhüpfer)

Was meinst du: Kann vegan nach Essstörung funktionieren? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

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