Warum brauchst du Minimalismus? Zweites Manifest des Minimalismus

Warum brauchst du Minimalismus? Befreie dein Ich aus den Dingen und finde zu dir selbst!

Warum brauchst du Minimalismus?
Weil Minimalismus glücklich macht!
Minimalismus hilft dir, zu dem Menschen zu werden, der du sein willst. Indem du dich von Dingen trennst, findest du zu dir selbst und lernst, dein einzigartiges, individuelles Potential auszuschöpfen.

Religiös ausgedrückt: Minimalismus unterstützt dich dabei, so zu sein, wie Gott dich gemeint hat.

1. Wir haben kein Wissens-, sondern ein Umsetzungsproblem

Mit dem Minimalismus ist es wie mit der Ernährung:

Jeder weiß, dass es nicht gut tut,

  • zu große Portionen,
  • zu oft im Stehen und nebenbei,
  • ständige Snacks,
  • abgelenkt und ohne Achtsamkeit,
  • zu viele Süßigkeiten und hochverarbeitete Lebensmittel,
  • zu wenige Ballaststoffe und
  • sehr unregelmäßig

zu essen.

Ebenso ist vielen Menschen klar:

Es ist Quatsch, Dinge zu besitzen,

  • die sie nicht benutzen,
  • die Platz wegnehmen und nur herumstehen,
  • die abgestaubt, gepflegt, instand gehalten werden müssen.

Auch was den Konsum betrifft, ist vielen bewusst, dass

  • wöchentliches Shoppen,
  • ausgedehnte und wiederkehrende Recherchen nach dem besten Teil, ob Handy, Auto, Rasenmäher oder pädagogisch wertvolles Spielzeug,
  • ständiges Einkaufen von Lebensmitteln,
  • eine übertriebene Vorratshaltung und
  • permanentes Unterwegssein

nicht förderlich für unser Wohlbefinden sind, sondern vielmehr dazu dienen, uns von uns selbst ablenken.

Wer sagt nicht von sich Eigentlich habe ich alles, was ich brauche?

Wir wissen all diese Dinge.
Aber wir setzen sie nicht um.

Ebenso wie für die Ernährung gilt auch für den Minimalismus:
Wir haben kein Wissensproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.

2. Warum die üblichen Gründe für Minimalismus nicht motivieren

Es ist nett, Listen mit 7, 11 oder 15 Vorteilen des Minimalismus zu lesen.
Motivieren tut es wohl kaum jemanden.

Oder fängst du an, deinen Besitz zu halbieren, weil alle sagen, dass du dann mehr Zeit und Geld hast? Oder insgesamt zufriedener bist?
Und warum überhaupt sollte dir durchs Ausmisten mehr Geld zur Verfügung stehen?

Mein Freund liebt Baguette, Nudeln und Fleisch. Er isst so gut wie nie Gemüse.
Natürlich weiß er, dass Blumenkohl, Möhren und Hirse gesund sind.
Aber er würde sie niemals essen (oder sie sich zumindest selbst zubereiten).
Manchmal wünsche ich mir einen Zauberstab, mit dem ich das wohlige Gefühl nach dem Verzehr eines vollwertigen pflanzlichen Mahls in ihn hineinbeamen könnte.

Um das eigene Verhalten zu ändern, braucht es zweierlei:

  1. die Einsicht in den Ist-Zustand
  2. die Verheißung einer Verbesserung

Das gilt sowohl für die Ernährung als auch für das Aussortieren und Ändern des Konsumverhaltens.

Was könnte mich zu einer gesünderen Ernährung motivieren?

  1. Ich fühle mich nach dem Essen voll und träge. Mein Körper signalisiert mir, dass er nicht das bekommt, was er braucht. Wenn du schon einmal zum Abendessen eine große Portion Pommes mit Mayonnaise gegessen hast, weißt du, was ich meine.*
  2. Ich ahne, wie großartig und energiegeladen ich mich mit mehr pflanzlichen und vollwertigen Lebensmitteln in meiner Ernährung fühle.

Bezogen auf den Minimalismus bedeutet das:

Um Minimalismus zu wollen, muss man die Last der Dinge spüren.
Spüren, wie sie einengen und Luft zum Atmen nehmen.
Wie sie dich in deinen Möglichkeiten beschränken.

Und hinter dieser Last eine Freiheit wittern, wie du sie bisher noch nicht kanntest.
Und das unendlich große Potential, das in dir steckt.

*Ich habe überhaupt nichts gegen Pommes. Da ich in Belgien wohne, wäre das Wahnsinn. Es geht hier um das Energielevel, das du nach dem Verzehr von verarbeiteten, frittierten Lebensmitteln hast im Vergleich zu dem nach dem Verzehr frischer und schonend zubereiteter Produkte.

3. Warum Minimalismus dein Ich aus den Dingen befreit

Manifestiert sich unsere Persönlichkeit in den Dingen, wie es der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi in seinem Aufsatz Why we need things darlegt?

Sollte das der Fall sein, ist das kein Grund, um für das Sammeln und Horten zu plädieren.

Sondern vielmehr ein sehr guter Grund, um uns unser Ich endlich von den Dingen zu lösen.

Das ist der Kern des Minimalismus und zugleich die Antwort auf die Frage, warum du Minimalismus brauchst:

Minimalismus ruft dazu auf, dein Ich aus den Dingen zu befreien und es zurück zu dir selbst zu holen.

Es geht nur an der Oberfläche um ein Weniger. Eigentlich geht es um ein Mehr.

Mit dem Aussortieren und Weggeben von Gegenständen befreist du dich Stück für Stück aus den Dingen.
Du hörst auf, dich mit ihnen abzulenken.
Dir wird bewusst, dass du Probleme mit Konsum kompensierst.
Deine Bedürfnisse mit Materiellem zu befriedigen versuchst.

Du entfaltest dich und beginnst, dein ganz eigenes Potential zu nutzen.
An die Stelle von zusammengekauften Gegenständen tritt innerer Reichtum.

3.1. Exkurs: Mein Weg zum Minimalismus

Mein erster Job nach dem Studium war in Kasachstan.

Ich nahm zwei riesige Koffer voller Bücher, Kleidung und Hygieneartikel mit. Irgendwie musste ich mich ja auf das Ungewisse vorbereiten.

Auf dem Hinflug verlor die Fluggesellschaft meine Koffer.

Ganz ohne Besitztümer in ein fremdes Land umziehen?
Mir war schlecht vor Wut und Sorge um meine Habseligkeiten.

Die nächsten Tage lebte ich irgendwie mit dem, was in meinem Handgepäck-Rucksack war (dazu gehörten weder Bücher, Kleidung noch Hygieneartikel) und kaufte das Notwendigste nach.

Als die beiden Monsterkoffer nach vier Tagen schließlich geliefert wurden, hatte ich vergessen, was sie enthielten.

Jedes Teil entlockte mir beim Auspacken ein Seufzen: „Ach, das hatte ich ja auch eingepackt…“

Bis auf mein Abschlusszeugnis und das Computer-Ladekabel hätte ich nichts vermisst.

Nach einem Jahr endete der Job und ich flog zurück nach Deutschland.
Nicht nur waren die beiden Riesenkoffer zum Bersten gefüllt – in Leipzig wartete außerdem meine Zweizimmerwohnung auf mich, die ich in den sieben Jahren meines Studiums verstanden hatte mit Büchern, Kleidung, Taschen, Lampen, Schallplatten, Teekannen, Geschirr und Flohmarktfunden zu befüllen – geräumiges Dachbodenabteil und Kellerzelle inklusive.

All meine Besitztümer lagen wie Blei auf mir.
Ich vermisste das Leben in der Fremde und mich schmerzte die Erinnerung an die kofferlose Leichtigkeit der Anfangstage in Kasachstan.

2013 war Minimalismus in Deutschland kaum bekannt.
Ich googelte Besitz reduzieren und stieß auf den Blog von Miss Minimalist.
Und war sofort Feuer und Flamme.

Minimalismus – das war die Verheißung auf ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit!
Auf ein Leben, das sich immer so anfühlt, als hätte mir eine Fluggesellschaft gerade einen Riesenballast von den Schultern genommen.

Ich begann, alles zu verkaufen.
Auf dem Dachboden stapelten sich Kisten voller Kleidung und Bücher.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es sein würde, ohne diesen Ballast zu leben.
Mit jedem verkauften Gegenstand fühlte ich mich ein Stück freier, glücklicher, unabhängiger.

Die Trennung von meinen Besitztümern war auch eine Auseinandersetzung mit mir selbst.
Wer will ich sein? Wie will ich leben? Was will ich tun?
Je mehr Dinge aus meinem Leben verschwanden, umso mehr wurde ich meiner selbst gewahr.

Es dauerte über ein Jahr, bis ich alles verkauft, verschenkt und weggegeben hatte.
Ich zog weg aus Deutschland, lebte in Indien, Sibirien und Südrussland, stellte mich meiner Essstörung und fand in einem langen Prozess zu mir selbst.

4. Warum Minimalismus glücklich macht

Materielle Gegenstände belasten dich physisch und psychisch.

Die physische Seite kennst du bereits:
Du musst sie reinigen, zur Seite räumen, pflegen, dich um sie kümmern.
Dinge nehmen Platz weg und kosten indirekt Geld.

Weniger offensichtlich ist der psychische Aspekt.
Wir haben eine Beziehung zu den Gegenständen, die wir besitzen.
Wir sehen sie täglich.
Sie formen unser Leben.
Wir binden uns an die Dinge, mit denen wir uns umgeben.

Materielle Gegenstände können eine (Schein-)Sicherheit geben (wie mir damals, als ich meine Monsterkoffer für Kasachstan packte).
Sie hindern dich daran, umzuziehen oder einfach auf Weltreise zu gehen.

Minimalismus befreit dich physisch und psychisch.
Er nimmt die Last der Dinge von deinen Schultern und gibt dir Raum zum Durchatmen und Leben.
Er befreit dich von dem Zwang, ständig Neues kaufen zu müssen und gibt dir die Möglichkeit, weniger zu arbeiten und mehr zu genießen.

Was bleibt, wenn die Dinge wegfallen?

Diese Frage sollte in unserer Welt häufiger gestellt werden.

Dinge spiegeln unser Verhältnis zum Leben wieder:
Wie leben wir?
Was sind unsere Prioritäten?
Was brauchen wir, um glücklich zu sein?

Die Reduzierung deines Besitzes auf das Notwendige führt dazu, dass du dich auf das besinnst, was wirklich wichtig ist.

Minimalismus hilft dir, zu verstehen, dass glücklich sein nur im Moment möglich ist.
Und dass du keine Dinge brauchst, um glücklich zu sein.
Materieller Reichtum ist die Verheißung eines zukünftigen Glücks, das nie eintreffen wird.

Wir leben nur einmal.
Aus diesem Leben können wir nichts mitnehmen.
Gewiss nichts Materielles.
Lass es uns daher jetzt leben.
Und die Dinge wieder als das behandeln, was sie sind:
Beiwerk.

Bildquellen: © Unsplash.comMatin Hosseinzadeh (Beitragsbild), Nils Bröer (Wohnung)

Was bedeutet Minimalismus für dich? Welche Rolle spielen materielle Gegenstände in deinem Leben? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

5 Kommentare

  1. Stephanie says:

    Hallo,es liest sich ganz einfach…. Sachen ausmisten,sich trennen von Dingen ,die man fast nie braucht.
    Aber !! es fällt total schwer….liegt es daran ,dass es Mal mehr oder weniger Geld gekostet hat?
    Brauch ich es doch vielleicht noch Mal?
    Schon bin ich dabei ,mir Gedanken GEGEN das aussortieren zu machen….
    Trotzdem riskiere ich jetzt als Anfang einen Blick in meinen Kleiderschrank….
    Werde berichten….

    Antworten
  2. Stephanie says:

    Hallo,es hat geklappt.Habe eine große Einkaufstüte voll entsorgt,und bin froh,diese Sachen los zu sein.
    Schöne Grüße

    Antworten
    1. Marion says:

      Hallo Stephanie,
      super, dass Du gleich in die Umsetzung gegangen bist!
      Das kostet doch meist mehr Überwindung, als man vorher denkt.
      Ich bin neugierig: Welche Sachen hast du denn aussortiert?
      Herzliche Grüße
      Marion

      Antworten
  3. Christoph says:

    Klingt sehr gut!
    Bei mir ist es so: Das Kaufen habe ich schon vor 3 Jahren abgeschafft (bis auf Lebensmittel und das Notwendigste natürlich!).
    Aber das Rausschmeissen der Dinge die schon da sind geht schwer und vor allem langsam. Etliches habe ich schon auf Ebay verkauft, meist für 1 Euro, aber danach ist das Haus nicht leerer.
    Ich müßte meine Frau mit verkaufen, sie hortet die Dinge wild. Aber das will man natürlich auch nicht. Also muß ich noch rausfinden, wie man Minimalismus mit einer Partnerin leben kann, die davon gar nichts hält.
    Danke, Marion, für Deinen Artikel!

    Antworten
    1. Marion says:

      Hallo Christoph,

      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Das von dir geschilderte Problem kenne ich nur zu gut. Leider sind die meisten Menschen um einen herum keine Minimalisten, und wenn man dann auch noch einen Maximalisten zum Partner / zur Partnerin hat, kann das manchmal ganz schön frustrierend sein.
      Leider kann man andere mit Worten selten überzeugen. Heimlich fremde Sachen wegzuwerfen ist zwar verlockend, aber auch keine Option.
      Bleibt nur: Vorleben, Geduld, Akzeptanz.
      Und sich seine eigenen „minimalistischen Inseln“ schaffen, wo nichts überflüssig ist und kein Kram herumsteht.
      Vielleicht fällt mir noch etwas Besseres ein und ich schreibe einen Artikel darüber. 😉

      Alles Gute und herzliche Grüße
      Marion

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