Was tun gegen Essen aus Langeweile?

Essen aus Langeweile kann viele Ursachen haben.

Nimmst du dir jeden Tag vor, nicht mehr aus Langeweile zu essen?
Und sitzt dann doch am nächsten Abend wieder mit der Schokolade auf dem Sofa?
Was kannst du gegen Essen aus Langeweile tun?
Ich rate dir nicht dazu, dich zu beschäftigen oder abzulenken.
Du erfährst vielmehr, wie du lernst, Langeweile auszuhalten – ohne sie mit Essen betäuben zu müssen.

1. Warum Ablenkung bei Essen aus Langeweile nichts bringt

Frauenzeitschriften und Selbsthilfeseiten raten bei Essen aus Langeweile oft dazu, etwas gegen die Langeweile zu unternehmen.

Beschäftige dich mit etwas (Stricken, Lesen, Spazierengehen), sodass du etwas zu tun hast und gar nicht auf die Idee kommst, zu essen.

Das geht am Problem vorbei.

Denn der Grund, warum du bei Langeweile isst, ist nicht weg.

Sondern nur die Langeweile.

2. Das Verschwinden der Langeweile

Wir sind daran gewöhnt, dauernd beschäftigt zu sein.
Es gibt immer noch eine Mail zu schreiben, ein Essen zu kochen oder eine Freundschaftsanfrage zu beantworten.

Echte Langeweile ist selten geworden.

Wir spüren Langeweile nicht mehr, lassen sie nicht mehr zu.
Zeitfenster, in denen wir früher einfach vor uns hingeträumt haben – das Warten auf den Bus, auf das Aufleuchten der richtigen Zahl im Bürgeramt, auf die Pizza zum Mitnehmen – werden durch das Smartphone in Beschlag genommen.

Die Idee, einfach mal nichts zu tun, ist für viele schlichtweg absurd.

Untätigsein und Müßiggang – das „Aufsuchen der Muße, das entspannte und von Pflichten freie Ausleben“ passen nicht in unsere Zeit der Produktivität und des Funktionierenmüssens.

Stattdessen machen wir uns zu Marionetten der Dauerbeschäftigung:
Es ist schick, gestresst zu sein. Wer sich langweilt, ist suspekt.

Wir haben verlernt, uns zu langweilen.

Wenn wir einmal nichts tun, plagt uns das schlechte Gewissen.
Bewusst den Druck rausnehmen, sich entspannen, faulenzen – das können wir uns gar nicht leisten.

Und hier kommt das Essen ins Spiel.

3. Warum essen wir aus Langeweile?

In jedem noch so stressigen Job, in jedem noch so ausgefüllten Privatleben gibt es Leerlauf und Phasen des Nichtstuns.

Jeder hat mal frei, jeder hat mal Feierabend.

Und dann?
Liegen wir herum, schauen in den Himmel und freuen uns, dass wir am Leben sind?

Nein.

Wir essen.

Warum können wir Langeweile nicht ertragen? Warum führt die Tatsache, dass wir uns langweilen, dazu, dass wir essen?

Leere und Leistungsdruck

Sich langweilen heißt, Leere auszuhalten.

Leere im Sinne von Unbeschäftigtsein, aber auch von Mit-mir-alleine-sein.

Viele Menschen essen abends auf dem Sofa aus Langeweile:
Der Tag ist geschafft, die Anspannung fällt ab.
Was bleibt, ist eine Leere, mit der wir nicht gut umgehen können.

In Momenten der Ruhe und Muße kommen verdrängte oder unbewusste Gedanken und Gefühle nach oben, mit denen wir lieber nichts zu tun haben wollen.
Essen ist da ein probates Mittel, um uns abzulenken und uns nicht mit uns selbst beschäftigen zu müssen.

Damit einher geht das schlechte Gewissen, untätig zu sein und nur faul herumzusitzen.
Schließlich gibt es immer etwas zu tun – die Wäsche ist noch nicht zusammengefaltet, der Geschirrspüler unausgeräumt, zu viele geschäftliche Mails unbeantwortet, das Konzept nur zur Hälfte ausgearbeitet…

Du machst dir Druck:

Wie kannst du hier einfach rumliegen, obwohl noch tausend Sachen erledigt werden müssen?

Obwohl du nach einem langen Tag Ruhe und Erholung brauchst, gestehst du sie dir nicht zu.
Du bist streng und unnachsichtig mit dir.

Das Ergebnis:
Du rebellierst gegen dich selbst.
Anstatt wirklich nichts zu tun, isst du.

Essen ist ja schließlich nicht nichts tun, oder?

Mit Essen ersticken wir das schlechte Gewissen, das sich meldet, sobald wir beginnen, uns zu langweilen.

Essen ist die Rebellion gegen das ständige ich müsste eigentlich, ich könnte doch noch.

Die Unfähigkeit, sich zu entspannen, führt häufig zu Essen aus Langeweile.

Essen aus Langeweile als Gewohnheit

Diese Prozesse haben sich verselbständigt und sind zur Gewohnheit geworden.

Du nimmt gar nicht mehr wahr, dass du bei Langweile zu Essen greifst.

In deinem Gehirn haben sich starke Verknüpfungen etabliert:
Du hast nichts zu tun – du isst.

Dir ist nicht bewusst, welche Funktion das Essen bei Langeweile für dich hat.
Du greifst ganz automatisch zur Schokolade oder zur Chipstüte.

Die gute Nachricht ist:
Was du dir einmal angewöhnt hast, kannst du dir auch wieder abgewöhnen.

4. Was tun gegen Essen aus Langeweile?

Um dir wieder abzugewöhnen, aus Langeweile zu essen, gibt es unterschiedliche Herangehensweisen.

Leere aushalten

Wie kannst du lernen, Leere auszuhalten?

Es ist wie beim Meditieren:
Sobald du mit geschlossenen Augen dasitzt und versuchst, dich nur auf deinen Atem zu konzentrieren, beginnen deine Gedanken zu rasen.

Der Monkey Mind redet permanent auf dich ein, dass es im Moment nichts Schlimmeres gibt, als einfach still zu sitzen und nichts zu tun.

Es ist kaum auszuhalten.

Falls es dir mit dem Langweilen ebenso geht, frage dich:
Was ist es, das gerade nicht auszuhalten ist?

Vielleicht steckt noch etwas anderes hinter der Langeweile, Gefühle, die du nicht spüren möchtest (Trauer, Wut, Sorge) oder körperliche Empfindungen wie Stress oder Müdigkeit.

Wie schaffst du es, vor der Leere und Langeweile nicht wegzulaufen?

Denke nicht an all die nächsten Momente, in denen du Langeweile aushalten musst.
Fokussiere dich stattdessen auf das Hier und Jetzt. Blende aus, was morgen oder in einer Woche sein wird.

Übung: Schön langweilen

Sorge dafür, dass du dich „schön langweilst“:
Zieh dir bequeme Kleidung an und lege dich auf den Rücken.

Achte darauf, dass einen schönen Ausblick hast, in die Natur, auf eine Pflanze oder in den Himmel.

Liege einfach da und tue nichts.
Atme tief und spüre deinen Körper.

Du lebst!

Vielleicht schaffst du es, jeden Tag schöne Langeweile in deinen Tagesablauf einzubauen.
Versuche es am Anfang mit 5 Minuten und steigere dich langsam.
Betrachte es als Wellness, als eine Art, gut zu dir zu sein und dich um dich selbst zu kümmern.

Glaubenssätze auflösen

Wenn du zu den Menschen gehörst, die davon überzeugt sind, ständig Leistung bringen müssen, ist es an der Zeit, deine Glaubenssätze zu hinterfragen.

Nur so schaffst du es, deine (zu) hohen Ansprüche an dich nicht mehr mit Essen zu kompensieren.

Schritt 1: Glaubenssätze bewusst machen

Wie denkst du über dich selbst?

Glaubst du, dass du nur gut bist, wenn du etwas leistest?
Gönnst du dir keine Pausen, weil du sie nicht verdient hast?

Weitere Beispiele für Glaubenssätze dieser Art:

  • Ich muss immer etwas zu tun haben.
  • Wenn ich nichts tue, bin ich nichts wert.
  • Einfach mal nichts zu tun kann ich mir nicht leisten.

Schritt 2: Glaubenssätze hinterfragen

Wie schaffst du es, dich davon zu überzeugen, dass deine Glaubenssätze keine unumstößlichen Wahrheiten sind?

Dabei helfen die Fragen, die Byron Katie in The Work ausgearbeitet hat.
Sie dienen dazu, Leiden, das wir durch unsere Gedanken erzeugen, zu beenden.

Die wichtigsten Fragen lauten:

  1. Ist das wahr?
  2. Kannst du dir absolut sicher sein, dass das wirklich wahr ist?

Du wirst merken: Es gibt kaum etwas, von dem du zu hundert Prozent sagen kannst, dass es wahr ist.

Im nächsten Schritt kehrst du den Glaubenssatz um.

Aus:
Ich bin nur gut, wenn ich Leistung bringe“ ,
wird:
„Ich bin nur gut, wenn ich keine Leistung bringe.“

Könnte der zweite Satz nicht ebenso wahr sein wie der erste?

Schritt 3: Neue Überzeugungen schaffen

Überlege, welche Gedanken du an die Stelle deiner alten Überzeugungen setzen möchtest.

Statt:
„Ich bin nur gut, wenn ich Leistung bringe“,
könntest du dir sagen:
Ich darf mir eine Auszeit gönnen, wann immer ich möchte.“

An die Stelle von:
„Ich muss immer etwas zu tun haben“ ,
tritt:
„Ich genieße es, gar nichts zu tun.“

Gewohnheiten erkennen und ändern

Wenn du abends aus Langeweile isst, setze bewusst die „Schön langweilen“-Übung an die Stelle von Schokolade und Chips.

Am Anfang ist es schwierig, Gewohnheiten zu ändern, aber mit der Zeit wird es einfacher.

Dein Gehirn verlernt die alte Gewohnheit und lernt stattdessen eine neue.
Aus der vielbefahrenen Bundesstraße Essen aus Langeweile wird ein überwucherter Trampelpfad.

Der Prozess ist mühsam, aber er lohnt sich:
Wenn du nicht mehr aus Langeweile isst, kannst du Ruhe und Pausen bewusst genießen.
Du tust dir selber etwas Gutes und belastest deinen Körper nicht mit Nahrung, die er nicht braucht.
Du schläfst besser und fühlst dich leichter.

Kurzmeditation Abends auf dem Sofa

Mach es dir bequem, am besten in einer liegenden Position.

Wenn du möchtest, schließe deine Augen.

Richte deine Aufmerksamkeit auf den Moment.

Spüre deinen Atem. Nimm wahr, wie sich dein Brustkorb langsam hebt und senkt.

Spüre in deinen Körper hinein, in deinen Magen.
Wie fühlt er sich an?
Bist du hungrig? Oder befriedigt und zufrieden vom Abendessen?
Spürst du das Verlangen, zu essen, obwohl du satt bist?
Wo ist dieses Verlangen? Im Hals, im Kopf oder im Bauch?

Atme in die Körperstelle hinein. Kannst du spüren, wie sich das Verlangen nach Essen verändert?

Richte deine Aufmerksamkeit wieder auf deinen Atem und bleibe noch ein eine Weile so liegen.

Leere aushalten und bewusst entspannen hilft bei Essen aus Langeweile.

Bildquellen: © Unsplash: Phillip Goldsberry (Beitragsbild), Thought Catalog (Kuchen), Wayne Low (Himmel), Nathan Dumlao (Geschirrspüler), Ashim D’Silva (Sofa mit Decke)

Isst du aus Langeweile? In welchen Situationen greifst du zu Essen, obwohl du nicht körperlich hungrig bist? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

2 Kommentare bei „Was tun gegen Essen aus Langeweile?“

  1. Hallo,
    danke für den Artikel. Ich habe früher oft aus reiner Langeweile zum Essen gegriffen. Meistes zu Hause, immer beim Vorbeigehen am Kühlschrank oder auch unterwegs um Wartezeiten zu überbrücken. Ich habe eigentlich immer Süßigkeiten mitgeschleppt. Das Ganze geschah völlig automatisch und unterbewusst. Schwierig war es dann, sich diese schlechte Angewohnheit abzutrainieren. Aber wenn man drauf achtet und am Ball bleibt funktioniert auch das. Mittlerweile ist es Gewohnheit eben aus Langeweile nichts zu essen 🙂
    Liebe Grüße
    Lisa

    1. Hallo Lisa,

      danke für deinen interessanten Kommentar.
      Immer etwas zum Naschen dabei zu haben ist verlockend, und dass die Entzugsphase schwierig war, kann ich mir vorstellen.
      Wie hast du es denn geschafft, dir das Essen aus Langeweile abzugewöhnen? Was hat bei dir besonders gut funktioniert?

      Herzliche Grüße
      Marion

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