Warum Abnehmen mit Ayurveda bei mir nicht funktioniert hat – Ein Erfahrungsbericht

Warum Abnehmen mit Ayurveda bei mir nicht funktioniert hat - Ein Erfahrungsbericht

Abnehmen mit Ayurveda könnte so einfach sein: Du befolgst ein paar simple Regeln und lebst endlich im Einklang mit deinem Körper. Langfristig abnehmen, Überessen und Heißhunger loswerden, mehr Energie – Ayurveda ist eine Allzweckwaffe für Probleme mit Ernährung und dem eigenen Essverhalten.

Ich habe die ayurvedische Ernährung ausprobiert und passend zum ersten Lockdown nicht nur meine intuitive Ernährungsweise verloren, sondern auch fünf Kilo zugenommen.

Ayurveda ist im Trend: Im Laufe des letzten Jahres sind zahlreiche Bücher, Blogs, Podcasts, Kurse und Coachings rund um die traditionelle indische Heilkunst erschienen.

Das Versprechen, das Ayurveda für viele anziehend macht, ist einfach:
Mithilfe ayurvedischer Prinzipien kannst du die für dich ideale Ernährung finden, die perfekt auf dich und deine Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Anstatt mit Diäten und Medikamenten gegen dich und deinen Körper zu arbeiten, lebst du dank des Ayurveda im Einklang mit dir. Das Resultat: Eine Ernährung, die zu dir passt und dich mit Energie erfüllt. Ein schlanker und gesunder Körper.

Warum das bei mir nicht funktioniert hat und warum ich glaube, dass eine Ernährung nach Ayurveda für intuitives Essen hinderlich ist, erfährst du in diesem Beitrag.

Disclaimer:
Ich bin keine Expertin für Ayurveda, habe weder eine spezielle Ausbildung noch die Quelltexte gelesen und als ich vor sechs Jahren für ein paar Monate in Indien war, hatte ich anderes im Sinn als ganzheitliche Gesundheit.

Alles, was ich über das Abnehmen mit Ayurveda schreibe, beruht auf meinen persönlichen Erfahrungen. Mein Wissen ist zusammengesammelt aus Blogs, Podcasts und Büchern.

Wenn ich über Ayurveda spreche, beziehe ich mich auf den Ayurveda, wie er in den Quellen dargestellt wird, auf die ich Zugriff hatte. Darüber hinaus mache ich keine Aussagen über kosmische Zusammenhänge usw.

1. Ayurveda ist ganzheitlich und schult die Achtsamkeit

Ayurveda betrachtet den Menschen ganzheitlich und individuell. Das verbindet ihn mit der Homöopathie, der es auch darum geht, das Individuum ganzheitlich in die Heilkunde zu integrieren, sowohl in körperlicher als auch in psychischer Hinsicht.
Wir gehören zwar alle derselben Spezies an, sind aber so verschieden wie unsere Fingerabdrücke, und das gilt es in der Medizin zu berücksichtigen.

Im Ayurveda spielen Tages- und Jahreszeiten eine große Rolle. Wie die Natur einem beständigen Wechsel unterliegt, so ist es auch bei uns. Menschen sind keine Maschinen. Es gibt Aktivitäten, für die sich der Morgen eignet und andere, die besser nachmittags erledigt werden. Im Frühling nähren uns andere Lebensmittel als im Herbst und Winter.

Des Weiteren können Menschen verschiedenen Energietypen zugeordnet werden, den sogenannten Doshas. Die Doshas helfen dabei, zu verstehen, welche Aktivitäten, Lebensmittel und Verhaltensweisen dir guttun und dich mit Energie versorgen und welche dir eher weniger Nutzen bringen.

Diese differenzierte und ganzheitliche Betrachtungsweise gefällt mir am Ayurveda. Auch wenn die Analyse von Tages- und Jahreszeiten im Hinblick auf energetische Zustände esoterisch klingen mag, lohnt sich doch die Beschäftigung damit.

  • Wann kannst du dich am besten konzentrieren?
  • Wann fällt dir der Austausch mit anderen leicht?
  • Was ist die beste Zeit für Bewegung?
  • Gibt es in deinem Tagesablauf einen Wechsel von Anspannung und Entspannung?
  • Bist du eher morgens oder abends aktiv?
  • Gibt es Zeiten im Jahr, an denen du besonders viel schaffst und andere, an denen Nichtstun das Beste für dich ist?
  • Wann bist du eher müde, wann hast du viel Energie?

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen richtet die Aufmerksamkeit auf Themen, denen wir im Alltag gern aus dem Weg gehen, weil wir glauben, funktionieren zu müssen.

Dabei können wir unsere Energie und Leistungsfähigkeit viel besser nutzen, wenn wir auf uns und unsere Bedürfnisse achtgeben.

2. Ayurvedische Ernährung: 8 grundlegende Prinzipien

Im Zentrum der ayurvedischen Ernährungslehre steht die Verdauungskraft, auch Agni genannt.

Das Verdauungsfeuer kann durch die Art, wie wir essen, gestärkt oder geschwächt werden.

Ist Agni schwach, geht es uns nicht gut, wir sind schlapp, haben wenig Energie und nehmen an Gewicht zu.

Die Prinzipien ayurvedischer Ernährung richten sich vor allem auf die Stärkung der Verdauungskraft.

Hierzu gehören:

1. Essenszeiten

Für die Ayurveda-Ernährung spielt es eine große Rolle, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Dinge zu essen.

Hintergrund ist die Idee, dass es Zeiten im Tagesverlauf gibt, an denen der Körper besonders viel Kraft für Verdauung hat.

Mittags lodert das Verdauungsfeuer am höchsten, dementsprechend sollte dann die größte Mahlzeit des Tages eingenommen werden. Um den Körper in der Nacht nicht zu belasten, ist es besser, am Abend etwas Leichtes, Kleines zu essen.

Wie du siehst, gibt es im Ayurveda ganz eindeutige Vorstellungen von „richtigen“ und „falschen“ Zeitpunkten, um zu essen.

2. Die Art und Weise, zu essen

Nahrung sollte im Ayurveda achtsam und ohne Ablenkungen zu sich genommen werden.
Snacken im Stehen und hektischen Nebenbei-Essen erschweren die Verdauung.

Anzustreben ist, Zwischenmahlzeiten langfristig ganz wegzulassen, damit der Magen nicht ständig mit halbverdauten Speisen gefüllt ist.

3. Dein Gefühlszustand beim Essen

Negative Gefühle beeinflussen die Verdauungskraft. Bist du wütend, traurig oder gestresst, ist es besser, mit dem Essen zu warten, bis diese Emotionen abgeklungen sind.

4. Die Menge, die du zu dir nimmst

Um die Verdauung nicht zu belasten, sollten nicht zu große Mengen gegessen werden. Der Magen sollte nur zu zwei Dritteln gefüllt werden, was etwa zwei Handvoll Nahrung entspricht.

5. Die Herkunft deiner Lebensmittel

Regionale und saisonale Lebensmittel sind importierten Produkten vorzuziehen, da sie ein Maximum an Vitaminen und Mineralstoffen enthalten.

6. Die Zubereitungsform deiner Lebensmittel

In der ayurvedischen Ernährung werden unverarbeitete Lebensmittel als die gesündesten angesehen – hiermit kann der Körper einfach am meisten anfangen.

Rohkost gilt als schwer verdaulich und sollte daher immer vor dem Essen und nicht abends verzehrt werden. Obst als Nachtisch ist im Ayurveda keine gute Idee.

Generell sollte Nahrung nicht übermäßig kalt sein. Je näher die Temperatur der Speisen unserer Körpertemperatur kommt, umso leichter ist es, sie zu verdauen.

Frittiertes wird in der ayurvedischen Ernährung nicht empfohlen. Durch das Erhitzen gehen wichtige Vitalstoffe verloren, außerdem gilt fettiges Essen als schwer verstoffwechselbar.

7. Die Zusammenstellung deiner Mahlzeiten

Die gute Kombination von Lebensmitteln ist ein komplexer Bereich in der Ayurveda-Ernährung.

Häufig erwähnt wird, dass frisches Obst nicht mit Gekochtem und saure Früchte nicht mit Joghurt oder anderen Milchprodukten gemeinsam gegessen werden sollen.

Dahinter steht die Vorstellung, dass der Körper mit verschiedenen Lebensmitteln im Verdauungstrakt nicht zurecht kommt. Roh und gekocht, warm und kalt zusammen überfordern Magen und Darm.

In der Folge kommt es durch schlecht verdaute Nahrung zu Ablagerungen im Körper, den sogenannten Schlacken. Wissenschaftlich konnten bislang keine solchen Ablagerungen festgestellt werden.

Auch Trinken während und nach den Mahlzeiten gilt es zu vermeiden, da hierdurch die Verdauung erschwert wird.

8. Passen die Nahrungsmittel zu deiner Konstitution (deinem Dosha)?

Schließlich gibt es auch für jedes der drei Doshas, Vata, Pitta und Kapha, eine ideale Ernährung. Ideal in dem Sinne, dass sie das dominante Dosha ausgleicht und in eine Harmonie mit den anderen beiden bringt.

Dana Schwandt erklärt in dieser Podcastfolge, warum die Dosha gar nicht so wichtig sind.

Wenn dich das Thema interessiert, empfehle ich dir diesen Artikel (auf Englisch).

Mehr Informationen zur ayurvedischen Ernährung allgemein findest du hier:

3. Mit Ayurveda abnehmen: Meine Erfahrungen

Mein Interesse am Ayurveda rührte vom Yoga her. Ich wollte nicht abnehmen, sondern meiner Ernährung den letzten Schliff geben.

Ein bisschen Neugier und Ambition waren auch dabei: Alle fühlen sich mit Ayurveda so supertoll, das will ich auch!

Dana Schwandt weist in ihrem Buch Dein Neuanfang mit Ayurveda immer wieder darauf hin, dass es entscheidend ist, bei der Ernährungsumstellung kleine Schritte zu gehen und geduldig zu sein.

Geduld ist leider nicht meine Stärke, und so wollte ich alles auf einmal richtig machen.

Vielleicht hätte die ayurvedische Ernährung bei mir besser funktioniert, wenn ich langsamer vorgegangen wäre.

Das Prinzip bleibt dennoch dasselbe: Beim Ayurveda handelt es sich um Regeln von außen, die nicht aus einem selbst kommen.

Warmes Frühstück

Als ich mein ayurvedisches Experiment startete, aß ich zum Frühstück selbstgebackenes Brot mit Margarine, Tofu und etwas Gurke oder Tomate.

Ein ayurvedisches Frühstück hingegen besteht aus einem warmen Getreidebrei. Obst sollte gedünstet werden, in roher Form verlangsamt es die Verdauung (oder sorgt dafür, dass diese gar nicht erst in Gang kommt).

Also wärmte ich mir meine Overnight Oats auf, briet ein paar Apfelschnitze und aß das Ganze mit, wer hätte es gedacht, reichlich Kurkuma.

Morgens habe ich am meisten Energie, mir ist viel wärmer als abends. Der warme Getreidebrei führte zu regelrechten Schweißausbrüchen. War das Agni, mein Verdauungsfeuer, das da in mir loderte?

Keine Snacks und Zwischenmahlzeiten

Um zu vermeiden, dass sich halbverdautes Essen im Magen mit noch Unverdautem mischt, empfiehlt der Ayurveda, zwischen den Mahlzeiten Pausen einzulegen und Snacks zu vermeiden.

Nach meinem ayurvedischen Frühstück war ich übersatt und müde. Keine Snacks bis zum Mittagessen! Dann aß ich doch sicherheitshalber direkt nach dem Frühstück ein paar Stückchen Schokolade.

Zwei Stunden später wollte ich eigentlich Yoga machen, fühlte mich aber bereits wieder hungrig. Unter diesem Vorwand verschob ich den Sport immer weiter nach hinten, sodass ich ihn schließlich mittags oder nachmittags machte – eine Zeit, zu der ich wenig Energie habe und es mir schwerfällt, mich zu fokussieren.

Mittagessen

Das Mittagessen ist im Ayurveda die reichhaltigste Mahlzeit, es sollte weder zu früh noch zu spät eingenommen werden, damit alles zur rechten Zeit verdaut werden kann.

Die Aussicht, den ganzen Nachmittag nichts essen zu dürfen, ließ meine Mittagsportionen größer werden als vom Ayurveda vorgesehen. Zumal ich mich dank Lockdown auch noch nicht viel bewegt hatte.

Das Snackverbot umging ich elegant, indem ich gleich nach dem Mittagessen ein paar Kekse aß. Und nun lodere auf, Verdauungsfeuer!

Abendessen

Der Ayurveda empfiehlt ein frühes und leichtes Mittagessen. Je weniger der Körper nachts mit Verdauung beschäftigt ist, umso besser der Schlaf und die Regenerationsprozesse, die dabei ablaufen.

Ich war noch satt vom Mittagessen, verleibte mir aber brav ein Linsengericht ein, gut gewürzt, versteht sich. Die Aussicht, danach nichts mehr essen zu dürfen, fühlte sich an wie eines der vielen unsinnigen Verbote aus meinen Diät-Hochzeiten.

4. Ernährung nach Ayurveda: Die Folgen

Dank der ayurvedischen Ernährung war ich nicht nur ständig satt und hungrig zugleich, sondern auch müde und energielos.

Vier Wochen lang verzichtete ich auf Sojajoghurt (löscht das Verdauungsfeuer!), was dazu führte, dass ich anschließend drei Tage lang übles Darmdrücken hatte, sodass ich kaum noch laufen konnte.

Auf mein überwürztes und viel zu scharfes Essen reagierte ich mit Durchfall und Verstopfung.

Ich fühlte mich angeschwollen, sicher Wassereinlagerungen. Als ich mich endlich mal wieder wog, bekam ich das Resultat meines Ayurveda-Experiments schwarz auf grau: Ich hatte fünf Kilogramm zugenommen!

Fairerweise buche ich zwei Kilo davon auf das Corona-Konto. Macht immer noch drei für Ayurveda.

Mein Ausflug in den Ayurveda ist ein Beispiel dafür, wie Essensvorgaben und -einschränkungen zu Essen aus Trotz und einem Gefühl des Mangels führen.

Ob es eine Heilkunst wie der Ayurveda ist, eine klassische Diät oder schlichtes Kalorienzählen, der Mechanismus ist stets derselbe:

Wenn du dir etwas verbietest, entsteht Mangel
Je weniger du essen darfst, umso mehr isst du.
Mangel kompensierst du durch Essen.

Wenn du alles haben kannst, hat nichts mehr eine besondere Macht über dich.

Ich wollte meine Ernährung auf das nächste Level bringen und habe genau das Gegenteil erreicht.

5. Abnehmen mit Ayurveda vs. intuitiv essen

Wer gesteht sich gern ein, dass er gescheitert ist?

Nach dem Gang auf die Waage war mit klar: Das hat nicht funktioniert, ich muss meinen Ausflug in den Ayurveda stoppen und wieder zum intuitiven Essen zurückfinden.

Ich habe die Bücher vom E-Book-Reader gelöscht und alle Podcasts zum Thema Ayurveda deabonniert.

Nach einigen schwierigen Tagen wurde es immer leichter, wieder normal und intuitiv zu essen.
Mittlerweile schüttle ich den Kopf über mein Experiment Abnehmen mit Ayurveda.

Mein jetziges Essverhalten würde ich als unbeschwert und funktional beschreiben:

  • Häufig faste ich morgens und nehme ein leichtes spätes Frühstück oder frühes Mittagessen zu mir, bestehend aus Sojajoghurt mit Früchten und Nüssen oder Hülsenfrüchten mit Salat (beides absolute ayurvedische Alpträume).
  • Meine größte Mahlzeit ist das Abendessen. Abends esse ich am liebsten kohlenhyratreich, weil mich Reis, Nudeln und Kartoffeln müde machen und lange sättigen.
  • Schokolade, Kekse und Co esse ich, wenn ich Lust auf sie habe, als Snack, als Nachtisch oder als Aperitif.
  • Ich würze minimalistisch, mehr als Salz und etwas Chili brauche ich meistens nicht.
  • Es gibt keine Energietiefs mehr nach dem Essen, ich bin nicht mehr müde und die Corona-Ayurveda-Kilos sind mittlerweile auch wieder weg. 🙂

6. Was ich aus meinem Ayurveda-Experiment gelernt habe

Mein Experiment mit der Ayurveda-Ernährung hat bei mir zu Frust, Entbehrung, Rebellion und Aufbegehren geführt.

Auf der Suche nach der perfekten Ernährung unterwarf ich mich Regeln von außen und vergaß dabei, dass ich die für mich perfekte Ernährung bereits kenne: Sie ist in mir angelegt, ich muss sie nur (wieder)finden.

Intuitive Ernährung ist individuell, sie sieht bei jedem unterschiedlich aus.

Allen gemeinsam ist, dass Ernährungsvorgaben und -prinzipien nicht dabei helfen, sie zu finden, egal aus welcher Richtung sie stammen.

Paradoxerweise schärfte Ayurveda langfristig meine Wahrnehmung, wie Lebensmittel auf mich und meinen Körper wirken. Ich stelle mir nun regelmäßig Fragen wie:

  • Welche Lebensmittel tun mir gut? Wann und in welchen Mengen?
  • Wie fühlt sich mein Körper nach dem Essen an?
  • Wie fühle ich mich seelisch nach dem Essen? Habe ich das Richtige zu mir genommen?

Selbst, wenn die ayurvedischen Empfehlungen nicht als Vorschriften gedacht sind, so machen sie Ernährung unentspannt – besonders für Menschen mit Diätvergangenheit.

Viele rutschen zu schnell wieder in die Diätmentalität und die damit einhergehende Selbstoptimierung und den Kontrollzwang.

Ich habe letztlich unter dem Deckmäntelchen des Für-mich-selbst-Sorgens meine Nahrungsaufnahme beschränkt.

So ist Essen nicht mehr unbelastet und neutral, sondern wird zu etwas, das man richtig oder falsch machen kann.

Bildquellen: © UnsplashChinh Le Duc 

Hast du schon einmal versucht, mit Ayurveda abzunehmen? Wie sind deine Erfahrungen mit der Ayurveda-Ernährung? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

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