Body positivity: Wo sind die dicken Männer?

Body Positivity: Wo sind die dicken Männer?

Eigentlich nutze ich das Verb feiern nur für Partys. Beim Thema Body Positivity mache ich eine Ausnahme: Ich feiere den Trend, Körper zu zeigen, die nicht anorektisch und fotogeshoppt sind, sondern ganz normal.
Aber wo sind die Männer? Genauer: Wo sind die dicken Männer?

1. Was ist Body Positivity?

Was wird unter Body Positivity, auf Deutsch Körperpositivität, verstanden?

Mit Body Positivity ist gemeint, dass alle Körper gleich sind.
Gleich schön, gleich wertvoll, gleich egal – das kann jede:r für sich selbst entscheiden, abhängig vom Stellenwert, den das Körperliche in seinem oder ihrem Leben einnimmt.

Körperformen sollen nicht bewertet werden.
Ein schlanker Körper ist ein guter Körper, ein übergewichtiger Körper ist ein schlechter Körper.
Ein straffer Körper ist ein schöner Körper, ein Körper mit Dehnungsstreifen ist ein hässlicher Körper.

Bullshit!

Ein Körper ist ein Körper ist ein Körper.
Wie er aussieht, darf nicht Gegenstand unseres Urteils sein.

Aber unsere Sprache schlägt uns ein Schnippchen.
Denn die Wörter schlank und straff sind positiv konnotiert, übergewichtig und Dehnungsstreifen hingegen negativ.

Einige Vertreter:innen der Body-Positivity-Bewegung (die sich in vielen Aspekten mit der Anti-Fatshaming-Bewegung deckt) ziehen daraus den Schluss, solche Wörter gar nicht mehr zu verwenden.

Ich möchte einen anderen Weg gehen und den Wörtern ihre Unschuld zurückgeben.
Erinnerst du dich noch an Kinderbücher, in denen unterschiedliche Körpergrößen, -formen und weitere Attribute des menschlichen Körpers bebildert werden?

Groß – klein, haarig – kahl, weiß – schwarz, blond – rothaarig, stark – schwach, dick – dünn.

Kinder gehen unschuldig mit diesen Adjektiven um, ein Körper ist eben groß oder klein, dick oder dünn. Vielleicht ist er auch etwas dazwischen.
Anstatt Wörter aus unserem Wortschatz zu streichen, sollten wir lieber daran arbeiten, neue zu schaffen. Wie nennt man einen Körper, der weder dick noch dünn ist? Normal? Wie groß ist ein Körper, der nicht klein, nicht groß ist? Normalgroß?

Normal ist … nichts.

Body Positivity: Wo sind die dicken Männer?

2. Darum ist Body Positivity wichtig

Der in den letzten Jahren in den sozialen Medien entstandene Trend der Körperpositivität hat dazu geführt, dass immer mehr Modelabels ihre Kleidung von Frauen mit ganz unterschiedlichen Körpern vorführen lassen.

Schau mal hier* und hier*.

*Unbezahlte Werbung. Ich bekomme leider keine Provision für die Nennung dieser Marken.

Leider dominieren noch immer die sehr schlanken Models. Aber es verändert unsere Sehgewohnheiten.

Ich bin nicht so oft in der Fußgängerzone unterwegs, daher wunderte es mich umso mehr, als ich vor Kruidvat (eine Art Möchtegern-Rossmann mit dem Charme von Schlecker, nur in Rot) ein überdimensioniertes Plakat hängen sah, auf dem vier Frauen in Unterwäsche abgebildet waren. Offenbar war das Foto nicht bearbeitet worden, die Damen sahen aus wie ich, wenn ich abends meinen Schlafanzug anziehe.

Wenn die Frau als Werbeobjekt nicht mehr ein überirdisches Wesen ist, sondern ein echter Körper aus Fleisch und Blut, mit Fettpolstern, Haaren und Dellen, nimmt das den Druck von Frauen, wie ein überirdisches Wesen aussehen zu müssen. In einigen Jahren ist diese Idee als solches hoffentlich vom Erdboden getilgt.

Es ist ein bisschen wie mit den Pornos:
Wenn nicht aller Welt immer der gleiche schnöde, auf das Vergnügen (?) des Mannes zugeschnittene Ablauf gezeigt würde, kämen alle Beteiligten auf die Idee, ihre Fantasie und ihren eigenen Kopf und Körper als Orientierung für lustvollen Sex zu verwenden.

3. Body Positivity und Männer

Männer haben es schwer.
Frauen emanzipieren sich, Männer müssen sehen, wo sie bleiben mit ihrer anerzogenen und gesellschaftlich geschätzten Gefühllosigkeit.

In einigen Fällen dürfen Männer weiblich sein: wenn sie schwul sind, eine Vagina haben oder haben wollen.

Aber der weiße Hetero-Mann hat bitte durchschnittlich zu bleiben. Zwischen 1,80 und 1,90, mit Haaren oder ohne, Ende 20 – Anfang 30, Mitte 40, in den goldenen Fünfzigern. Letztere für häuslichere Themen, Uhren oder Kaffeemaschinen.

Exotische Varianten werden auch gern mitgenommen, hippe Asiaten und muskulöse Schwarze. Indianisch aussehende Männer mit langen Haaren.
Aber dick hat der moderne Mann in der Werbung bitte nicht zu sein. Auch nicht übergewichtig. Oder mehrgewichtig, wie es korrekt heißt. Und nicht schlapp oder schlaff.

Achte doch beim nächsten Bummel durch die Fußgängerzone auf Werbeplakate.

Oder klicke auf den oben verlinkten Seiten der Yoga-Labels mal auf die Kategorie Männer. Fällt dir was auf?

Die armen Männer.

Appell:

Body Positivity muss auch für Männer da sein!

Echte Männer in die Werbung!

Männer mit schlaffen Armen.
Männer mit Bauch.
Männer mit abstehenden Hintern.
Männer mit schlechter Haltung.
Männer mit Dehnungsstreifen.
Männer mit Brüsten.

Bildquellen: © unsplash: Priscilla Du Preez (Beitragsbild), ANTHONY SHKRABA (Rücken), Monika Kozub (Po)

Hat Body Positivity deine Sehgewohnheiten verändert? Darf man das Wort „dick“ überhaupt noch gebrauchen? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

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Marion

Marion

Ein Kommentar

  1. Sigrid says:

    Hallo Marion,

    interessanter Artikel, bringt mich auf jeden Fall gerade zum Nachdenken. Die Macht der Worte finde ich schon enorm, in anderen Bereichen habe ich mir schon bewusst gemacht wie positiv oder negativ bestimmte Wörter belegt sind und welchen Einfluss die Verwendung dieser Wörter auf mich hat. Speziell kriegerische Phrasen versuche ich gezielt in meinem Alltagswortschatz durch wertschätzende, liebevolle Wörter zu ersetzen.

    Body Positivity ist für mich zwar ein neuer Begriff, aber den Gedanken dahinter, mich anzunehmen wie ich bin, und im Besten Fall, mich lieben zu können wie ich bin, halte ich für ein extrem erstrebenswertes Ziel.

    Die Beurteilung in „gute“ und „schlechte“ Körperformen auf gesellschaftlicher Ebene zu verändern geht für mich persönlich am Besten über meinen eigenen Umgang mit dem Thema. Wenn ich es schaffe mich so anzunehmen wie ich bin, mit Speckröllchen, Narben, Falten und allem was sich in meinem Körper als Abbild meines gelebten Lebens darstellt, und wenn ich es schaffe, mich stolz auch so zu zeigen, dann verändere ich damit auch mein Umfeld und die Sichtweisen der Menschen mit denen ich zusammentreffe.

    Durch innere Arbeit das Außen verändern scheint mir überhaupt der Königinnen-Weg zu sein 🙂 Gerne nehme ich die Anregungen aus Deinem Artikel auf und schaue mal was ich im Inneren damit anfangen kann.
    Vielen Dank für die Inspiration!

    Antworten

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