Vegan mit Ausnahmen – ein Widerspruch in sich?

Vegan mit Ausnahmen - ein Widerspruch in sich?

Mein Artikel Entspannt vegan rief kontroverse Reaktion hervor: Eine Veganerin, die vieles locker sieht und Ausnahmen macht, toll! Andere waren der Meinung: Wer Ausnahmen macht, darf sich nicht Veganer*in nennen. Vegan mit Ausnahmen – ist das ein Widerspruch in sich?

1. Die Definition des Veganismus

Die Vegan Society definiert Veganismus als

„eine Philosophie und Lebensart, die – so weit wie möglich und praktisch durchführbar – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden sucht und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zum Vorteil von Tieren, Menschen und Umwelt fördert. In der Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle ganz oder zu Teilen vom Tier gewonnenen Produkte.“

The Vegan Society: Definition of veganism. 1988, aufgerufen am 11. März 2021.

In meinem Beitrag schreibe ich, dass ich Honig esse, Forellenreste und Frischkäse-Brote meiner Tochter nicht in den Müll werfe, sondern selber verzehre. Auch nicht-vegane Schokolade und Kekse, die meine Mitbewohner*innen kaufen, esse ich hin und wieder.

So weit wie möglich und praktisch durchführbar – der Definition der Vegan Society zufolge bin ich keine Veganerin. Schließlich wäre es für mich durchaus möglich und durchführbar, keinen Honig zu kaufen, die Reste Reste sein zu lassen und vegetarische Süßigkeiten zu ignorieren.

Ich möchte dennoch auf das Wörtchen sucht hinweisen: In der Definition heißt es, dass Veganismus „alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden sucht“.

Hier steht nicht:

Veganismus vermeidet alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten.

Sondern:

Veganismus sucht alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten zu vermeiden.

Mir ist klar, dass es nicht heißt:

Veganismus versucht, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten zu vermeiden.

Sucht ist stärker als versucht. Dennoch impliziert das Verb einen Prozess, eine schrittweise Annäherung an ein Ideal (= das Ende der Ausbeutung von und Grausamkeiten an Tieren).

Selbst wenn es möglich und praktisch durchführbar wäre, die Käsebrote in den Müll zu werfen, was wäre dadurch gewonnen?

Mache ich durch den Verzehr einer Milchpraline in der Woche meine sämtlichen Bestrebungen, mich pflanzlich zu ernähren, zunichte?

Ich möchte in diesem Beitrag für ein großzügiges, inklusives Verständnis des Veganismus werben. Jeder, der sich überwiegend pflanzlich ernährt und sich als Veganer*in bezeichnen möchte, kann und soll dies tun. Mehr dazu in Abschnitt 4.

2. Die vegane Grenze: Graustufen in der Ernährungsweise

Ob es darum geht, sich vegan zu ernähren oder vegan zu leben: Zu einhundert Prozent kann es leider nicht gelingen, dafür bauen zu viele Industrien (noch) auf der Nutzung tierischer Produkte auf.

Oder hättest du gedacht, dass Waschmittel und Wandfarbe tierische Bestandteile enthalten?

Wer Getreide ernten will, nimmt den Tod von Insekten in Kauf.

In einer gewissen, seeeeehr genauen Betrachtungsweise ist es unmöglich, komplett vegan zu leben.

Aber:

Eine Ernährungsweise ist keine Mathematik.
1+1=2 ist nicht dasselbe wie XY ernährt sich vegan oder nicht vegan.

Eine Ernährungsweise ist nicht entweder schwarz oder weiß.
Eine Ernährungsweise enthält Graustufen: hellgrau-vegan, blassgrau-vegan, dunkelgrau-vegan und so weiter.

Person A achtet streng darauf, keine tierischen Produkte zu konsumieren. Wenn sie mit dem Auto fährt, sterben jedes Mal ein paar Fliegen.
Person B lebt ebenfalls streng vegan. Beim Italiener in großer Runde fragt sie allerdings nicht nach, ob im Pizzateig Eier enthalten sind.
Person C achtet darauf, ausschließlich vegane Lebensmittel zu kaufen. Ihr Lieblingswein ist jedoch nicht vegan.
Person D ernährt sich vegan, isst aber nicht-vegane Essensreste ihrer Kinder auf, anstatt sie in den Müll zu werfen.
Person E kocht ausschließlich vegan, kauft sich aber hin und wieder nicht-vegane Süßigkeiten.
Person F ernährt sich zuhause vegan, isst aber im Urlaub Käse und Milchprodukte.

Welche dieser Personen darf sich Veganer*in nennen?

Mir ist klar, dass die aufgeführten Ausnahmen von sehr unterschiedlicher Qualität sind. Es ist nicht dasselbe, versehentlich beim Joggen einen Käfer zu zertreten wie sich im Italienurlaub bewusst eine Pizza mit Käse zu bestellen.

Viele Reaktionen auf Entpannt vegan waren eindeutig:
Wer bewusst Ausnahmen macht, ist kein*e Veganer*in.

Aber ist das so?

In der Definition des Veganismus heißt es:

„In der Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle ganz oder zu Teilen vom Tier gewonnenen Produkte.“

The Vegan Society: Definition of veganism. 1988, aufgerufen am 11. März 2021.

Wenn ich dreißig Tage lang „verzichte“, und mir am einunddreißigsten einen Kinderriegel kaufe, bin ich keine Veganerin mehr.

Warum richten wir den Fokus auf den einunddreißigsten Tag und nicht auf die dreißig Tage? Wenn die Kinderriegel-Liebhaberin ihr Bestes gibt und so weit wie möglich und praktisch durchführbar ansonsten keine tierischen Produkte zu sich nimmt – warum darf sie sich nicht Veganerin nennen?

3. Vegan mit Ausnahmen: Verwässerung des Veganismus?

Weil das den Veganismus verwässert!

Wenn sich jeder, der Ausnahmen in der Ernährung oder Lebensweise macht, Veganer*in nennen würde, wäre der Veganismus binnen kürzester Zeit nicht mehr vom Vegetarismus oder sogar Flexitarismus zu unterscheiden.

So die Theorie.

Es ist wichtig, dass die vegane Ernährungsweise von anderen Ernährungsformen abgegrenzt wird: Menschen, die sich vegan ernähren, essen keine tierischen Lebensmittel. Dazu gehören auch der Schuss Milch in der Soße und das Ei im Pfannkuchenteig.

Was macht man mit sich selber aus, was trägt man nach außen? Das muss nicht unbedingt zu inneren Konflikten führen.

Ich kann meiner Mutter sagen, dass ich keinen Kuchen esse, der Eier enthält, und gleichzeitig beim nicht-veganen Gugelhupf der vergesslichen Oma ein Auge zudrücken.

Dem Pizzabäcker in Rom werde ich nicht auf die Nase binden, dass ich ja eigentlich Veganerin bin, während ich mir eine Vegetariana mit Käse reinziehe.

Ich esse etwas Nicht-Veganes.
Ich ernähre mich vegan.
Ich bin Veganer*in.

Unter bestimmten Umständen sind diese drei Sätze durchaus miteinander vereinbar. Das hängt wiederum damit zusammen, dass das Leben nicht schwarz-weiß ist, sondern in Grautönen daherkommt.

Es ist wichtig, dass Veganer*innen nicht ständig Sätze wie Ach, das bisschen Milch hören müssen und dass das vegane Thai-Curry auch wirklich keine Fischsoße enthält.

Je leichter es ist, sich vegan zu ernähren, umso besser.

Beyond-Fleisch, pflanzlicher Käse, köstliche Pflanzenmilch und vegane Kekse machen es für viele Menschen einfacher, sich vegan oder vegetarisch zu ernähren.

Dennoch ist und bleibt es eine Umstellung, die für viele nicht so leicht zu bewerkstelligen ist.

Jeder Schritt in die richtige Richtung zählt.

In Deutschland leben eine Million Menschen vegan.

Im Wikipedia-Artikel zum Veganismus heißt es dazu:

„2019 lebten in Deutschland ca. 1 Million Menschen über 14 Jahre, die weitgehend auf tierische Produkte verzichten oder sich als Veganer bezeichnen.“ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Veganismus

Interessant, dass hier offenbar eine breite Definition von Veganismus verwendet wurde, um die in Deutschland vegan lebenden Menschen zu erfassen.

Schadet diese breite Definition nun dem Veganismus?

Es könnte ebensogut heißen:

„2019 lebten in Deutschland ca. 10.000 Menschen über 14 Jahre, die konsequent und vollständig auf tierische Produkte verzichten und sich dafür einsetzen, dass sich niemand sonst als Veganer bezeichnen darf.“

Ob so für die vegane Sache etwas gewonnen wäre?

P.S. Könnte bitte mal jemand einen veganen Kinderriegel entwickeln?

4. Meine pragmatische Definition von vegan

Viele haben mich gefragt, warum ich auf das Etikett vegan bestehe.

Meine Antwort: Ich fühle mich der veganen Bewegung zugehörig und trete mit meinem Blog für eine vegane Welt ein. Ich bin von der veganen Sache überzeugt, die pflanzliche Ernährung ist großartig für alle: Mensch, Tier und Umwelt.

Warum ich mich als Veganerin verstehe, obwohl ich hin und wieder Honig, nicht-vegane Süßigkeiten und Reste meiner Tochter esse?

Weil ich diese Dinge bewusst nicht kaufe. Mir ist es sehr wichtig, dass ich mit meinem Konsum nicht zum Leid der Tiere beitrage. Das einzige Nicht-Vegane, das ich kaufe, sind Honig (für mich) und zwei Eier im Monat (für meine Tochter).

Meine Ernährung beruht ausschließlich auf pflanzlichen Lebensmitteln. Wenn es um Ernährung geht, denke ich vegan. Ich überlege nicht, dass ich doch ein Ei für die Pfannkuchen brauche, gern Rührei essen würde oder wodurch ich Käse ersetzen könnte. Vegan zu kochen und zu essen ist zu meiner zweiten Natur geworden.

Großzügig und inklusiv

Streng definitorisch sind Menschen, die Honig oder hin und wieder ein Ei essen, keine Veganer*innen. Aber warum können wir sie nicht trotzdem als Veganer*innen bezeichnen? Was verlieren wir dadurch?

Ist für die vegane Sache nicht viel mehr gewonnen, wenn sich auch die 95-Prozent und 80-Prozent-Veganer*innen zugehörig fühlen? Wenn es Raum und Respekt gibt für jede*n, und jede*r begrüßt wird, der sich Veganer*in nennen will? Wenn auch die Zwischenschritte, der Weg zu 100 Prozent vegan als „vegan“ bezeichnet werden können?

Wollen wir nicht einfach den Fokus auf die 95, 80 oder 55 Prozent richten und die Leute in dem bestärken, was sie bereits richtig machen? Und wenn sie sich Veganer nennen wollen, mit ihnen großzügig dieses Etikett teilen?

5. Entspannt (vegan) ist, was du draus machst

Die Überschrift entspannt vegan war mit Absicht etwas provokativ gewählt.

Natürlich sind Menschen, die sich zu 100 Prozent vegan ernähren (sofern das möglich ist), potentiell genauso entspannt wie alle anderen (oder sogar entspannter).

Wohlfühlernährung hat erst einmal nichts damit zu tun, was man isst oder nicht isst.

Ich habe das Prädikat entspannt für meine Ernährungsweise im Hinblick auf meine Essstörungsvergangenheit gewählt.

Was bedeutet entspannt für mich in Bezug auf vegan?

  • Lebensmittel nicht aus Prinzip wegzuwerfen, sondern essen zu können.
  • Mich nicht zu verurteilen, wenn ich mal ein Stück nicht-vegane Schokolade aus der prall gefüllten Süßigkeitenschublade essen möchte.
  • Hin und wieder Honig zu essen, weil es manchmal nichts Leckeres gibt als ein Toast mit (veganer) Butter und Honig.

Bildquelle: © Unsplash:  Forest Simon (Beitragsbild)

Was hältst du von einem inklusiven Begriff des Veganismus? Würde vegan mit Ausnahmen nicht mehr für die Sache des Veganismus bringen als Schwarzweißdenken und Radikalismus? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

6 Kommentare

  1. Momo says:

    Ich bin vegan und esse nichts von Tieren.
    Früher war ich sohalb Vegetariarin weil ich noch Fisch gegessen habe, aber jetzt nicht mehr.

    Antworten
  2. Svenja says:

    Danke für den Artikel. Ich habe es langeauch so gemacht. Jetzt, wo Auswärtsessen und kantine nicht geht, kann ich daheim komplett vegan leben und auch neue „fake-Rezepte“ lernen.
    Lass dir von enen, die veganer als vegan sind, nicht deinen Appetit vermiesen.

    Antworten
    1. Marion says:

      Hallo Svenja,

      veganer als vegan, das gefällt mir! 🙂
      Nach den ganzen negativen Kommentaren auf Facebook hatte ich schon den Eindruck, die ganze Welt is(s)t konsequent vegan, nur ich nicht!
      Aber du hast Recht, der Lockdown hilft dabei, noch mehr rein pflanzliche Lebensmittel zu essen.
      Ich habe zum Beispiel Tofu mit Kala Namak für mich entdeckt, sogar meine Tochter liebt es.

      Herzliche Grüße
      Marion

      Antworten
  3. Stephanie says:

    Hallo Marion,
    dein Artikel gefällt mir sehr gut.
    Warum wird soo auf einem Wort herumgeritten?
    Wichtig ist doch,dass so wenig wie möglich vom Tier gegessen und genutzt wird!
    Ist es da nicht egal wie man es nennt?
    Essensreste wegzuwerfen finde ich um einges schlimmer….
    Liebe Grüße Stephanie

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